Sehr gut hat mir der Vortrag von David Kaldewey gefallen. Er zeichnete den bildungsgeschichtlichen Diskurs von 400 Jahren nach und fragte dabei insbesondere, inwieweit Kreativität sich als steuerbar gezeigt habe.
Er kommt zu dem Schluss, dass sich Innovationen nicht, wie viele Förderprogramme es erwarten, direkt planen lassen, sondern nur Rahmenumstände gestaltet werden können, in denen sich Kreativität entwickeln kann (aber nicht muss).
Kaldewey zeigt über die vergangenen Jahrhunderte viele Phasen auf, in denen durch externe Einflussnahme versucht wurde, die Universität nutzbar zu machen. So könne ein fortlaufender geschichtlicher Wechsel zwischen vorherrschendem Praxisdiskurs versus Autonomiediskurs aufgezeigt werden. Christian Thomasius habe 1713 darauf hingewiesen, dass man sich in der Universität nur mit nützlichen Wahrheiten befassen solle, damit man nicht als Narr die Universität verlasse. Diese "praktische Nützlichkeit" wird auch 1960 vom Deutschen Studententag gefordert. Hier wurde die Öffnung der Universität zur Gesellschaft gewünscht, damit die Universität vom Elfenbein zum Leuchtturm werde.
Der Elfenbeinturm sei ein biblisches Symbol für Abgeschiedenheit und Reinheit und sei daher ein in vielen Phasen des Wissenschaftsdiskurses auch sehr positiv besetzter Begriff gewesen.
Das Humbold-Ideal verzichtet auf den direkten Nützlichkeitsanspruch um eine höhere Nützlichkeit zu erreichen.
In den 1930er Jahren wird die reine Forschung als Grundlagenwissenschaft für die angewandte Forschung umdefiniert. Angewandte Forschung hieß vornehmlich Rüstungsforschung. Die Kaiser Wilhelm Gesellschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als MPG neugegründet.
Die EU-Wissenschaftspolitik ziele wieder auf den Praxisdiskurs.
Kaldewey stellt die Frage, inwieweit die Diskurse strukturwirksam wurden und beantwortet sie mit Kants Streit der Fakultäten, mit der Entstehung von Technischen Universitäten im 19. Jahrhundert und mit den Fachhochschulen ab Ende der 1960er-Jahre.
In der Diskussion sollte Kaldewey die Frage beantworten, wieweit die Hochschulen eine Mitschuld an der Wirtschaftskrise hätten. Kaldewey nutzt diese Frage um anzumerken, dass der Praxisdiskurs derart gut ausgearbeitete Argumente habe, um den durch die Wirtschaftskrise entstehenden Impuls hin zu einer erneuerten Hochschulautonomie abzuwehren. Die Phase des derzeitigen Praxisdiskurses werde also allen Anschein nach nicht durch die Wirtschaftskrise beendet. Es brauche vermutlich erst wieder einen Krieg um eine idealistische Wende entstehen zu lassen. Ganz sicher sei die Hochschule aber, und das sei weithin bekannt, die größte Agentur der Erzeugung sozialer Ungleichheit.
Kaldeweys Folien finden sich hier:
Website von Krücken
