UniWiND

Jahrestagung in Frankfurt/M

01.-02.10.2014: UniWiND ist ein Verein, in dem sich die Dachorganisationen zusammengeschlossen haben, die an Universitäten und pädagogischen Hochschulen die Programme koordinieren, mit den die jeweiligen Hochschulen ihren wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Meine Tagungsnotizen stelle ich hier in einigen Stichpunkten zur Verfügung.

Vortrag von Müller-Esterl:

- Frankfurt hat 6.000 Promovierende, hat u. a. ein Loewe-Zentrum (aus dem "hessischen Exzellenzpro­gramm"). Sie kooperieren in vielfältiger Weise mit den externen Wissenschaftsinstituten.
- Der Präsident klagt über den Brain Drain ins Ausland und über zu viele Befristungen.
- Wichtige wissenschaftliche Entwicklungsschritte der Universität FF/M wären das Professorinnenpro­gramm des Bundes und die Graduiertenzentren der DFG (in den 1980ern) gewesen.
- FF/M hat 76 JunProfs, allerdings ohne Tenure Track (TT). Bislang hät­ten diese JunProfs allesamt ir­gendwo eine Professur erhalten.
- Sie werden nun mit W2 dotierte TT-Professuren schaffen und die Fakultäten darauf verpflichten, dass sie maximal ein Viertel ihrer Professuren als TT-Professuren ausschreiben dürfen.
- Der Präsident meint, diese dynamische Entwicklung sei nur möglich, weil sie als Stiftungsuniversität eine sehr hohe Autonomie hätten.

Vortrag von Erika-Kothe (UniWiND-Vorstand):

- Sie begrüßt die zwei neuen Mitgliedsuniversitäten U Frankfurt/O und TU Darmstadt. Aufnahmekri­terium sei, dass es eine Dacheinrichtung an der Uni gibt, die Angebote für den wissen­schaftlichen Nachwuchs aller Fakultäten vorhält.
- Die Arbeitsweise von UniWiND würde sich insbesondere durch die Arbeitsgruppen auszeichnen, die auf Vorstandsbeschluss hin eingerichtet werden und die ihre Ergebnisse bei Abschluss als Hand­lungsempfehlungen publizieren.
- Der Tagungstitel mit der Nummer „2.0“ sei so gewählt worden, weil die Standards der Nachwuchs­förderung nun an den Universitäten greifen würden, die Aufbauphase der „Strukturierung“ damit als abgeschlossen gelte und UniWiND nun eine Konsolidierungsphase begleiten möchte und das Arbeits­programm an diesen neuen Bedarfen ausrichten möchte.

Impulsvortrag von Thomas Kathöfer:

Thomas Kathöfer ist Ingenieur, hat das Präsidialamt der TU Berlin geleitet und ist jetzt Generalsekretär der HRK. Er wird die Position der HRK zur Debatte auf europäischer Ebene aufzeigen.
- Er beobachtet, dass sich die europäischen Akteure derzeit in Position bringen, um die Promotions­phase europaweit zu vereinheitlichen. Das gelte es zu verhindern.
- Die Promotionsphase sei nicht nur eine Qualifizierungs- sondern auch eine Profilierungsphase.
- Durch Promotionen entstünden wichtige Innovationsimpulse.
- Kathöfer befürchtet Qualitätssicherungsforderungen auf EU-Ebene, die durch Akkreditierungsagentu­ren als Einfallstor genutzt werden. Bei den Begriffen „Learning Outcomes“ und „Competences“ be­kommt er „kalte Füße“. Und die Versuche, Befähigungen, die auf einen nicht-wissenschaftlichen exter­nen Beschäftigungsmarkt zielen, zu fördern, sieht er als „Attacke“.
- 2013 habe die Bologna-Nachfolgekonferenz eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die bis 2015 eine Emp­fehlung verabschieden soll. In dieser Arbeitsgruppe seien überwiegend Südeuropäer, deren Universitä­ten bekanntlich kaum Forschungsaufgaben wahrnehmen müssten. Die Zwischenergebnisse dieser Ar­beitsgruppe habe „alle Folterinstrumente, die wir aus Bologna kennen“ enthalten: ECTS, Diploms Sup­plement, Akkreditierenden usw.
- Auch ERA, der Europäische Forschungsraum sei in Stellung gegangen. Kathöfer fordert UniWiND auf, ein Statement gegen diesen 3. Zyklus zu verabschieden. Er will, dass Zusatzangebote zu Skills frei­willig bleiben. Die Bologna-Befürworter wollen, dass in der Promotionsphase zumindest ECTS-Punkte in Lehrdidaktik gesammelt werden, weil in der Promo­tionsphase auch üblicherweise Lehre gegeben wird.
- „Eriwan“ (die Verabschiedung einer Empfehlung zum 3. Zyklus) soll verhindert werden. Die HRK schließt dazu eine Allianz mit Polen, Frankreich, Ungarn, Österreich und der Schweiz. UniWiND sollte sich ebenfalls diesem Verhinderungsbündnis anschließen.

Vortrag von Wilhelm Krull (VW-Stiftung):

Krull meint, man solle sich von den verschiedenen Salzburg-Empfehlungen nicht zu sehr beeindrucken lassen. Bedenklich sei sei­ner Meinung nach, dass das Stipendiensystem eine Phase von 4 Jahren ohne Sozialversicherung be­deutet und dass z. B. in Dänemark die Beschäftigungsbedingungen deutlich güns­tiger als in Deutsch­land seien. Dass die Chance auf eine Professur für Promovierte in manchen Feldern hierzulande 30:1 sei, sei zudem völlig unattraktiv.

Krull entwickelt 8 Thesen:
1. Das Erarbeiten neuer Forschungsergebnisse steht im Zentrum der Promotionsphase. Aber in die­ser Phase muss auch eine Beheimatung im Fachgebiet stattfinden, weshalb die fachliche Qualifizierung auch etwas über das eigentliche Promotionsthema hinausgehen müsse. Dazu sei auch eine breite Me­thodenkenntnis zu erwerben. Es gehe um das Bewahren, Entwickeln und Transformieren von Wis­sen (Carnegie-Foundation). Krull wünscht sich eine fachliche, aber auch überfachliche Qualifizie­rung in die­ser Phase, eben weil 29 von 30 Promovierenden diese Kompetenzen brauchen werden.
2. In der Promotionsphase streben 40 Prozent der Promovierenden eine Professur an. Die Universität müsse hier ihre Mentoring-Verantwortung übernehmen. Darüber hinaus sei seines Erachtens eine Ti­tel-Differenzierung notwendig. Martin Spiwak habe den medizinischen Doktor einmal „Flachfor­scher“ ge­nannt. Auch der Wissenschaftsrat (WR) setzt sich dafür ein, den Titel MD zum Normalfall für Medi­ziner werden zu lassen und den Dr. med. nur noch für die wenigen wirklichen Forschungsar­beiten zu vergeben.
3. Die Strukturbildung an einer Universität soll die Promotion nicht behindern oder verzögern. Zu die­ser Strukturbildung gehöre ein kompaktes Betreuungskonzept, der Austausch untereinander in Grup­pen und die Begutachtung der Promotion innerhalb einer überschaubaren Frist (hier würden sich eini­ge Gutachter viele Monate Zeit lassen).
4. Die mangelhafte Betreuung führe oftmals zu einem Abbruch der Promotion. Die Trennung von Be­treuung und Begutachtung (durch ein Thesis Committee (TC), dem auch die Betreuungsvereinbarung vorliegt) könnte die Rechte der Promovierenden stärken. Das TC soll Feedback zum Fortschritt in der Promotion geben und Zeitpläne empfehlen. Die Promotion sollte zukünftig nicht mehr unkontrolliert begonnen werden, sondern die Auswahl sollte durch eine Auswahlkommission erfolgen. Fälschungsfäl­le, wie sie in der MPG vorkamen, sind möglich, weil Professoren dort gar nicht alle ihre bis zu 70 Pro­movierenden kennen. Letztlich sei jede Form der Strukturierung auch eine Form der Frauenförderung.
5. Der derzeitige Einfluss des Doktorvaters soll eingeschränkt werden. Externe Wissenschaftler sollen in das TC. Krull merkt an, dass diese Reformen von den Fakultäten selbstverständlich nicht umgesetzt werden, weil die Missstände zum Vorteil der Professoren sein. Er meint aber, strengere Auswahl und bessere Betreuung würde dazu führen, dass sich kein Professor mehr für Absolventen oder Promovie­rende schämen müsste.
6. Die Begutachtung einer Promotion sollte streng sein. Sie sollte nur noch als bestanden/nicht-bestan­den begutachtet werden. Die Summa-Note könne an einer Universität unter einem Prozent und im gleichen Fach einer anderen Universität über 25 Prozent ausmachen. Er möchte, dass Noten abge­schafft und die Primärdaten veröffentlicht werden.
7. Er wünscht sich die Einrichtung von Ombutsgremien, die auf eine administrative Unterstützungs­struktur zurückgreifen können. Sie sollen wissenschaftliches Fehlverhalten beobachten und Hinweisen von Doktoranden, die in ihrem Umfeld wissenschaftliches Fehlverhalten beobachten, nachgehen. Wis­senschaftliches Fehlverhalten würde bislang ignoriert werden und Diskussionen würden einseitig posi­tiv geführt.
8. Auch Professoren müssten Kompetenzen erwerben können, die es ihnen erleichtern, Doktoranden effektiv zu betreuen. Diese Kompetenzen wären auch für TCs wichtig. Doktoranden können derzeit kaum gegen schlechte Betreuung aufbegehren. Gute Betreuung sollte honoriert werden.

Die anschließende Diskussion:
- Kathöfer verweist auf den Orientierungsrahmen wissenschaftlicher Nachwuchs der HRK, in dem die Unis sich verpflichtet hätten, Personalentwicklungskonzepte zu verabschieden.
- Krull erläutert, dass Doktoranden in Göttingen zu Beginn ihrer Promotionsphase verschiedene Me­thodenseminare besuchen müssen. Wenn wir international rekrutieren wollen, brauchen wir ein der­artiges Angebotsformat. In der Wirtschaft wird an Promovierten deren Überblickskompetenz ge­schätzt und dass sie schon einmal ein großes Projekt über lange Zeit verfolgt hätten. Der Arbeits­markt, auch der wissenschaftliche, sei Veränderungen unterworfen, für die man relativ flexibel und breit auf­gestellt sein sollte.
- Hagedorn: Sie beobachtet, dass heute immer mehr Absolventen aus interdisziplinären Studiengän­gen unterwegs seien, die die fachliche Tiefe der früheren Diplom-Absolventen nicht mitbringen und in der Promotionsphase entsprechende Nachqualifizierungen brauchen.
- Jemand aus Stuttgart fragt, was die HRK von Fast-Track-Promotionen halte, also direkt nach dem Ba­chelorabschluss die Promotion anzuschließen.
- Kathöfer findet die Fast-Track-Promotion im Einzelfall sehr gut. Das sein eine positive Vielfalt.
- Krull meint, dass die Tiefe des Betreuungsverhältnisses und der -qualität dafür entscheidend sei. Wenn die Dissertation scheitert, dann haben die Betroffenen nur einen Bachelor.  Für die internatio­nale Wettbewerbsfähigkeit müssten wir dieses Modell vorhalten. Aber Fast-Track dürfte „kein Leis­tungskriterium“ werden.
- Kathöfer: In der HRK wähle man Begriffe bewusst: strukturierte Promotion anstatt Promotionspro­gramme, Promotionsphase anstatt 3. Zyklus.
- Krull plädiert noch einmal für die Zweiteilung der Promotionen in „Doc of irgendwas“ und den stark forschungsorientierten PhD.
- Kathöfer beobachtet, dass in den immer häufiger durchgeführten kumulativen Promotionen Artikel herangezogen werden, in denen der Doktorvater Ko-Autor war und die daher natürlich mit einem Summa promoviert werden.
- Anmerkung aus dem Publikum: Im Öffentlichen Dienst werden Fast-Track-Promovierte weiterhin ent­lohnt, als hätten sie nur einen BA-Abschluss, weil der öffentliche Dienst nur den Master und nicht die Promotion kennt.
- Weitere Anmerkung aus dem Publikum: Strukturiert sei besser als unstrukturiert zu promovieren. Es sei wichtig, dass einige Pflichtveranstaltungen besucht werden und über die Dissertation hin­aus ein Artikel in einem internationalen Journal mit Peer-Review-Verfahren eingereicht worden sein muss. Als er das an seiner Universität versuchte zu etablieren, habe ihm eine Fakultät entgegengehal­ten, dass das im internationalen Kontext beste Journal eben jenes der eigenen Fakultät sei.
- Eine Frage wird an Kathöfer gestellt: „Wird sich die HRK dafür einsetzen, dass das ausgeweitete Sti­pendiensystem nicht bei der Rente zum Problem wird?“
- Kathöfer verneint diese Frage.
- Krull ist hingegen der Auffassung, dass das Stipendien-Rente-Problem eine relevante Baustelle für das Wissenschaftssystem ist.

Podiumsdiskussion „Neue Organisationsformen und Karrierewege“

Die Podiumsdiskussion beginnt mit Eingangsstatements:
Klepp (Junge Akademie, JA): Die JA möchte weg vom hierarchischen Lehrstuhlsystem, weniger Nach­wuchsstellen und mehr Professuren. Stellen werden am Lehrstuhl oft nicht kompetitiv vergeben. Die JA schlägt die kostenneutrale Einführung eines System vor, in dem die Promovierendenstellen (reihum) kompetitiv vergeben werden. Professoren sollen keine Wissenschaftlichen Mitarbeiter mehr „haben.“
Beisiegel (Vize HRK u. U Göttingen): Der Orientierungsrahmen und die Empfehlungen des WR würdi­gen den Mittelbau und wünschen sich für ihn Karrierechancen. Es sollten Stellen für Querschnitts- bzw. Daueraufgaben vom Lehrstuhl zur Fakultät verlagert werden.
Wolff (Ehem. Kultusministerin Sachsen-Anhalt und zukünftige Präsidentin der U Frankfurt/M): Zu ihrer Anmo­deration merkt sie zunächst an, dass sie nicht zurückgetreten sei, sondern zurückgetreten wurde. Die Verantwortung der Doktoreltern bestehe auch für die auskömmliche Ausfinanzierung der Promoti­onsphase.
Rüpke (WR): Promovierte sind in seiner Auffassung kein Nachwuchs, das hält er für ein falsches „wor­ding“. Bei Ingenieuren werde promoviert in Themen, die andere bereits vorgedacht hätten. Bei den Geisteswissenschaftlern muss das hochindividuell sein. Eine frühe Karriereperspektive, auch in famili­ärer Hinsicht, ist notwendig: Die TT-Professur (Die TU München hat die anscheinend schon). Der WR möchte die neu identifizierten und gepoolten Daueraufgaben mit dem Titel Professor benennen. Der WR möchte den Flaschenhals zeitlich nach vorne verschieben, zur Promotionsmöglichkeit und zum PostDoc-Eingang. Und er möchte eine Begleitung zur Exil-Option bieten.
Schmidtmann (DFG): Die DFG sei mit für das Missverhältnis in der Stellenverteilung an den Hoch­schulen verantwortlich. Wenn die TT-Professur kommt, möchte die DFG die Heisenberg-Professur abschaffen. In der DFG mache man sich derzeit große Sorgen um die Leute, die durch die Exzellenz-Initiative in das Wissenschaftssystem gekommen seien und nun vor dem Flaschenhals stehen.
Schläge (UniWiND): Strukturierte Promotionsprogramme bieten intergenerationelle Mentoring-Mög­lichkeiten. Graduierten-Schulen sollten die emeritierten Professoren, die in die USA gehen wollen, an sich binden. Dabei könne die Leibnitz-Gemeinschaft helfen. Promovierende sollten sich als Statusgrup­pe zusammentun. Das Kompetenzenbündel, das die Gesellschaft von jemandem mit Dr.-Titel erwartet, sollten die Promovierenden sich in dieser Phase auch aneignen können.
Beisiegel: Der Plan sei keinesfalls, wieder den ganzen Mittelbau auf Dauerstellen umzuwandeln. Auf Dauerstellen sollten nur solche Leute eingestellt werden, die mir auch von der Dauerstelle abgewor­ben werden. Professoren verstocken doch auch nicht alle, nur weil sie entfristet wurden - sie werden mir auch abgeworben. Und Mittelbauler auf Dauerstellen können auch abgeworben werden, wenn eine andere Universität oder Stiftung mehr bezahlen wolle.
Wolff: Befristete Stellen darf man auch nicht verdammen. TT sind auch keine Entfristungen, die Leute strengen sich darauf ordentlich an, um die Tenure zu bekommen.
Schlegel: Die LfbA findet er auch noch eine wichtige Baustelle. Präkariatsstellen mit kurzen Befristun­gen sind ein Unding.
Schmoll: Frankfurt/O vergibt in der Promotionsphase nur noch Dreijahresverträge, danach nur noch Vierjahresverträge.
Schmidtmann: Die DFG versuche derzeit die Graduiertenschulen der Exzellenz-Initiative in das DFG-Portfolio zu bekommen. Die Promotionsphase soll öfter nach dem BA beginnen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss verbessert werden.
Klepp: Die Interdisziplinarität der Graduiertenförderung sei gut, aber die Professuren seien später dis­ziplinär.
Beisiegel: Der WR will keine Lehrprofessur, aber Karrierewege öffnen, wo man mehr lehren als for­schen darf. Graduiertenschulen geben Informationen auch an jene weiter, die eine Individualpromotion machen.
Rüpke: Bzgl. der Projektförmigkeit der Forschung frage er sich, warum nur frische Absolventen für die Ar­beit im Projekt, die als „Forscher“ ihre Diss schreiben können, geeignet sind. Das könnten doch auch Dauerbeschäftigte.
Beisiegel: Die Projektförmigkeit führe auch zu einem Salami-Handeln.
Wolff: Heute haben wir mehr Geld für die Forschung, aber keiner könne mehr ruhig schlafen, weil wir das Geld nur befristet haben. Die Grundfinanzierung müsse wieder gestärkt werden.
Beisiegel: Einsparpotentiale liegen derzeit noch in Kooperationen und dem Streichen von Doppelun­gen.
Rüpke: Die Universität müsse ihren Nachwuchs nicht nur über Entry- sondern auch über Exit-Optio­nen informieren.

Wortmeldung einer Geschäftsführerin eines Graduiertenkollegs: Sie sagt, ihre teuer geförderten Nachwuchswissenschaftlerinnen, die auch gut publiziert haben usw., erachten eine Professur gar nicht mehr als eine attraktive Beschäftigungsform, insbesondere wegen des Drittmittelrennens, der vielen Gremiensitzungen und des zeitraubenden Klausurenkorrigierens. Deren Vorstellung von einer Profes­sur ist, dass man sich dort tot arbeitet und keine Zeit für Familie und Freizeit hat.
Beisiegel dazu: Sie beobachtet, dass Professoren zwar gerne über Belastung klagen, aber dennoch kei­ne Entlastung durch Wissenschaftsmanager wünschen, weil sie ein Bild von „Verwaltung“ als Kon­trolle, als Feindbild haben, und auch darüber hinaus alle Details einer Universität mitentscheiden wol­len.
Wortmeldung: Berufungsverfahren seien in Deutschland oft erniedrigend.
Beisiegel dazu: Das liegt an den Seilschaften, die in Berufungsverfahren greifen und die nur sehr schwer zu durchbrechen sind.
Wolff: Sie plädiert dafür, keine Karriereplanung zu verfolgen, sondern stattdessen gute Arbeit zu ma­chen, durch die man sich Optionen schaffe. Neue Chancen kommen dann, je älter man wird.
Beisiegel: Sie kommt noch einmal auf die neuen Dauerstellen zu sprechen. Sie meint, dass die Fakultä­ten eigentlich sehr gut wissen würden, welche Aufgaben Daueraufgaben sind, insbesondere Langzeit­studien, die Laborbetreuung, die IT-Entwicklung etc.
Schmidtmann: Sie hat eine andere Auffassung als Wolff bzgl. der Karriereplanung. Denn sie denkt nicht, dass Karrierechancen immer wieder kommen. Jeder habe nur gewisse Zeitfenster, in denen er den Aufstieg schafft oder auch nicht. Sie war in diesem Jahr bei Ehemaligentreffen der Alumni des Emmy-Noether-Programms und sei von der sehr depressiven Stimmung dort mitgenommen worden. Es sei doch so, dass der, der 5 Jahre zu alt ist, eben keine Professur mehr bekommt, nur weil er als Querein­steiger 5 Jahre später in die Wissenschaft eingestiegen ist. Sie meint, die große Zahl der Promovierten, die eine berufliche Zukunft außerhalb der Wissenschaft finden müssten, könnten durch Professoren gar nicht beraten werden. Man kann dazu Ehemalige bzw. frühere Aussteiger einladen und sie ihren Berufsweg vorstellen lassen.
Rüpke: Internationale Gastwissenschaftler lassen sich nicht durch den Traum einer Professur gewinnen. Die brauchen schnellere Belohnungen. Und über diese Bande kann sich auch die Situation deutscher Nachwuchswissenschaftler verbessern.

Notizen aus dem Vortrag von Hornbostel zu ProFile:

Bevor Hornbostel (IfQ) seinen Vortrag beginnt schiebt er noch zum vorangegangen Vortrag nach, dass bspw.
- in der BWL in den vergangenen 10 Jahren die Note summa von 25 auf 35 Prozent der vergebenen Noten gestiegen ist;
- Dissertationen in der Biologie an der TU Darmstadt zu mehr als 60 Prozent die Note summa erhiel­ten, in der Biologie der U Hamburg allerdings nur weniger als ein Prozent.
Daher ist auch er der Auffassung, dass Disserationsnoten abgeschafft gehören, weil sie rein gar nichts mehr aussagen. Auch er weist darauf hin, dass das Hochschulstatistikgesetz novelliert wird und von den Universitäten die Zahl der Promovierenden verlangen wird. Die Universitäten werden versuchen diese Novellierung zu kippen.
Die Rücklaufquoten gehen überall zurück: Alle Institute klagen darüber in all ihren sozialwissenschaftli­chen Studien. „Sie gehen so stark zurück, sodass fraglich ist, wie lange wir noch mit diesen Methoden arbeiten können.“
Er diskutiert einzelne Ergebnisse der ProFile-Studie, die er verstetigen, entschlacken und theoretisch stärker fundieren will. Die ProFile-Studie hat die Betreuung, Fortschrittskontrolle, Finanzausstattung, Arbeitsweisen etc. innerhalb der Promoti­onsphase untersucht.
Punkte, auf die er zu sprechen kommt:
- Jene, die sich in einem offiziellen strukturierten Promotionsprogramm befinden, haben oftmals in die­sem Programm keine klaren Strukturmerkmale, wogegen manche inoffiziellen Strukturen sehr klare Angebote haben und eine sehr verbindliche Teilnahme erreichen.
- Abbruchquoten sollte man mit Vorsicht interpretieren, weil sich etliche bewusst für einen besser passenden Weg entschieden hätten und sie das Verlassen der Promotion somit nicht als ein Scheitern empfinden, wenn sie bspw. auch ohne Dr.-Titel bereits ein hervorragendes Jobangebot wahrnehmen können.

Vortrag von Dr. Jörg Neumann (U Jena) zu „Promovierendenerfassungen“:

- Daten werden intern zur Qualitätssicherung und zur Bedarfsplanung gebraucht;
- Eine wichtige Vorarbeit sei die IfQ-Studie „Wer promoviert in Deutschland“ gewesen;
- Anknüpfungspunkte seien die Novellierung des Hochschulstatistikgesetzes, der Kerndatensatz For­schung (IfQ/WR), Initiativen seitens des Bundestages und des BMBF, das neue HSG von Baden-Würt­temberg, der Orientierungsrahmen der HRK und die WR-Empfehlungen zu Karrierewegen;
- Daten sollten sein: Kontaktdaten, Hochschullaufbahn, HZB, Stand des Promotionsverfahrens (Thema, Betreuer, Annahme, Fach, Gutachter, Prädikate);
- Die AG der UniWiND wird Argumente für die Notwendigkeit der Daten zusammenstellen.
Wie kann man an Daten gelangen?
- Durch die Promovierenden selbst (freiwillige Erfassung);
- Durch die Zentralverwaltung bzw. die Fakultäten.
Merkmale der Datenqualität:
- Strukturierte Erfassung;
- Durch eine Satzung der Uni rechtlich abgesichert;
- Validierung der Selbstangaben durch Dekanate muss vorgenommen werden;
- Regelmäßige Statusabfragen, damit keine Karteileichen entstehen (erstmals nach 3 Jahren, dann jähr­lich).
Standard-Funktionalitäten:
- Schnittstellenfähige Datenbanken, zu Studierendensystemen / dem Identity Management;
- Browserbasierte Oberfläche für den Promovierenden;
- Ein ausgeklügeltes Rechtemanagement (wer darf was lesen/bearbeiten?) ist vorzusehen;
- Fristenmanagement;
- Exportfunktion für Berichte.
Typische Kernprozesse:
- Annahme als Doktorand;
- Immatrikulation (wenn gewünscht);
- Promotionsverfahren.
Etablierte Softwaresysteme:
- DocDaten (entwickelt vom RZ U Erlangen-Nürnberg);
- DocIn/Docdata als Produkt auf dem Markt zu erwerben, entwickelt von der U Jena und U Hamburg.
Weitere Softwaresysteme:
- Hohenheim, Dresden und KIT verwenden eine Software mit Customizing;
- Die TU München entwickelt DocGS;
- Das RZ der U Heidelberg entwickelt HeiDoc.
Implementierungsschritte für eine Datenerhebung:
- Datengewinnungskonzept erstellen;
- „Inventur der Promotionsverwaltung“ durchführen;
- Workflows hochschulweit vereinheitlichen oder zumindest anpassen;
- Starke aktive Unterstützung der Hochschulleitung sicherstellen und Akteure einbeziehen (Studieren­dendezernat, Doktorandenvertretung, Bibliothek, Archiv, Rechenzentrum, Personaldezernat, Fakultäten, Graduiertenakademien. Die Implementierung kann leicht scheitern, wenn an dieser Stelle nicht die Machtverhältnisse beachtet werden.
Desiderate:
- Verbindlicher Kerndatensatz;
- Verankerung in der Bundes- bzw. Landesstatistik.
Anschließend erfolgte eine teils hitzige Diskussion (weil es auch ein wirklich gut gemachter Vortrag war):
- Ein Professor wert sich gegen die Immatrikulation seiner Promovierenden, weil es ein Verständnis von Doktoranden als Studierende sei, das er keinesfalls unterstütze und er möchte für ein anderes Bild unseres Wissenschaftlichen Nachwuchses kämpfen. Die Teilnehmer haben ihn dann aufgeklärt, dass Stipendiaten diese Immatrikulation brauchen, weil sie ja nicht Universitätsbeschäftigte seien und ihre Krankenversicherung durch die Immatrikulation monatlich entschieden billiger werde.
- Der Ministeriumsvertreter BW wird gebeten, sich mit den anderen Bundesländern für eine Verein­heitlichung einzusetzen. Dem widerspricht er, denn er findet die sehr unterschiedliche Erfassung und Betreuungsqualität zwischen den Bundesländern sehr gut, weil sich so die besten Promovierenden auch für das beste Bundesland (nämlich seines) entscheiden werden.
- Ein Professor gibt zu bedenken, dass die Professoren dieses Modell ablehnen werden, denn „man fahre sehr gut damit, dass Vieles so unklar läuft.“
- Ein Teilnehmer, der in der Vorbereitung der Exzellenz-Initiative involviert ist, legt dar, dass die neue Exzellenz-Initiative 2016/2017 kommen wird und dass das amerikanische Modell dort die Vorausset­zung sein wird. Ohne einen Vizepräsidenten für den wissenschaftlichen Nachwuchs, ohne zentrale Graduate School wird man auch bei der DFG keine Fördergelder mehr bekommen.
- Einige Teilnehmer äußern datenschutzrechtliche Bedenken. Der Ministeriumsvertreter aus BW versi­chert, dass man es in BW datenschutzrechtlich hinbekommen wird.
- Ein Teilnehmer der U Hannover erzählt, dass die Doktoranden dort derzeit in Excel-Listen geführt werden, von denen die Professoren nicht weg wollen, weil sie sich von der Unklarheit Schutz verspre­chen. Insbesondere, wenn dort Abbruchgründe aufgeführt werden, wird es bei den Professoren keine Akzeptanz finden.

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Dr. Veit Larmann
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